Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
27 28 29 30 1 2 3
4 5 6 7 8 9 10

12.658 Beiträge zu
3.874 Filmen im Forum

Hanka Meves
Foto: Presse

Eine unglaubliche Geschichte

01. Juli 2024

„Die Komponistin von Köln“ von Hanka Meves – Textwelten 07/24

Köln ist eine Stadt voller Geschichten. Man muss nur hinter die modernen Fassaden schauen, und schon offenbaren sich unglaubliche Biographien. Mitunter stehen sie auch noch, die Fassaden, wie etwa die des Gesundheitsamts am Neumarkt. Dort produzierte die Firma Bing & Söhne vor 140 Jahren Seidenbänder. Kein Hut und keine Corsage kam damals ohne Seidenbänder aus, ein unerhört einträglicher Artikel. Die Bings waren eine wohlhabende Familie jüdischer Abstammung, die mit zwei Söhnen und einer Tochter auf der Hohestraße wohnte.

Die Historikerin Hanka Meves widmete sich dem Leben der Tochter, Maria Bing. Das Material zum Leben dieser ungewöhnlich begabten Musikerin entdeckte sie in einem großen Briefkonvolut, das in der Zürcher Zentralbibliothek lagert. Maria heiratete den Chemiker Albert Herz, folgte ihm nach Bradford, eine damals prosperierende Stadt der britischen Textilindustrie, gebar vier Kinder und begann, erste Kompositionen zu schreiben. Als die Familie 1914 zu einem Besuch nach Deutschland kam, brach der Erste Weltkrieg aus. Die Familie konnte nicht mehr zurück und stand vor dem Nichts. Albert starb bald an der Spanischen Grippe. Trotz der vier Kinder gab Maria das Komponieren nicht auf. Sie veröffentlichte unter dem Namen Albert Maria Herz. Eine geniale Idee, denn einem vermeintlich männlichen Komponisten war die Musikwelt bereit, Aufmerksamkeit zu schenken. In die Zeit der zwanziger und frühen dreißiger Jahre fallen ihre großen Erfolge, als ihre Kompositionen nicht nur im Gürzenich Orchester in Köln, sondern auch in Berlin, München, Budapest, Stockholm und im Rundfunk gespielt wurden. Sie muss sie nach England emigrieren und siedelt später in die USA über.

Einen packenden Roman voller Anekdoten entwirft Hanka Meves aus diesem Stoff, den sie aus der Perspektive von Franzi, einer erfundenen Freundin von Maria, erzählen lässt. Da Franzi in Deutschland bleibt, entwickeln sich neben der Freundschaftsnähe auch immer wieder weltanschauliche Spannungen, die der Geschichte Dynamik verleihen. Vor allem beweist der Roman, wie lohnend es ist, die verdrängten jüdischen und die verschwiegenen weiblichen Schicksale aus der Vergangenheit ans Licht der Gegenwart zu holen.

Hanka Meves: Die Komponistin von Köln | Emons Verlag | 288 Seiten | 14 Euro

Thomas Linden

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Neue Kinofilme

Der Teufel trägt Prada 2

Lesen Sie dazu auch:

Drei Stimmen, drei Türen zur Lyrik
7. Ausgabe des Festivals Anderland in der Stadtbibliothek – Lesung 05/26

Mein Opa und die Nazis
Judith Hermann liest in Bonn

Vergiftung des Lebens
Christoph Peters liest in Köln

In Belarus verboten
Alhierd Bacharevič im Stadtgarten

Verdrängtes Kapitel
Svenja Leiber im Literaturhaus Köln

Neuer Bilderbuch-Klassiker
„Mit dem Sturm um die Wette rennen“ von Brian Floca und Sydney Smith – Vorlesung 04/26

Wenn Wände Ohren haben
„Engel des Verschwindens“ von Slobodan Šnajder – Literatur 04/26

Bunte Welten
Gratis Comic Tag 2026 an diversen Orten

Die Unendlichkeit erleben
„Liebe“ von Thomas Hettche – Textwelten 04/26

Beziehungen
„Du findest mich, wenn du willst“ von Lavinia Branişte – Literatur 03/26

Unwiderstehlicher kleiner Drache
„Da ist besetzt!“ von Antje Damm – Vorlesung 02/26

Schmunzeln und Mitgefühl
„Opa Bär und die Schuhe im Kühlschrank“ von Anne und Paul Maar – Vorlesung 02/26

Glück und Unglück
„Niemands Töchter“ von Judith Hoersch – Literatur 02/26

Exzentrik kann zärtlich sein
„Mitz. Das Pinseläffchen“ von Sigrid Nunez – Textwelten 02/26

Beziehungen sind unendlich
„Schwarze Herzen“ von Doug Johnstone – Textwelten 01/26

Literatur.