Niemand versteht das Leben in den Städten unserer Gegenwart so gut zu lesen, wie der Amerikaner Richard Sennett. Schon in den 70er Jahren, als sich niemand träumen ließ, dass unser Alltag einmal zum großen Teil auf digitalen Plattformen stattfinden würde, beklagte er den Terror, mit dem sich das private Leben in die Öffentlichkeit drängt. Später wurde er zum scharfen Kritiker der neoliberalen Forderung nach dem „flexiblen Menschen“, der alle sozialen Bande aufgibt, um den maßlosen Ansprüchen an seine Arbeitsleistung Genüge zu tun. Sennett, ein Soziologe, der ein eingeschworener Schüler der Philosophin Hannah Arendt in New York war, hat den Epochenwandel, der unseren Städten jetzt hastig abverlangt wird, schon Jahrzehnte auf uns zukommen sehen. In seinem neuen Buch „Die offene Stadt“, das den Untertitel „Eine Ethik des Bauens und Bewohnens“ trägt, unterscheidet er zwischen den beiden französischen Begriffen „ville“ und „cité“ für die Stadt.
„Ville“ ist die Stadt in ihrer unbestreitbaren Realität als Körper und Moloch, „cité“ bezeichnet hingegen ihr Imaginäres, ihre Ethik und die Überlegungen ihrer Bürgerschaft. Der „citoyen“ war eben auch im Gegensatz zum „bourgeoise“ der politisch engagierte Bürger der Revolutionstage, der Anteil am Geschehen nahm und für seine Belange auf die Straße geht. Sennett analysiert aus dem ganzen Schatz seiner Erfahrung urbane Entwicklungen in Paris, New York, Barcelona, Shanghai und in Chile und Berlin, wobei er Stadtplanung eher kritisch gegenüber steht, weil sie für ihn oftmals keine Probleme löst, sondern selbst welche schafft. Für Sennett ist „die Stadt ein komplexer Ort, das heißt voller Widersprüche und Mehrdeutigkeiten. Komplexität bereichert Erleben und Erfahrung, Klarheit schmälert sie.“
Eine politische Aussage, die Sennett auch so verstanden wissen will, da er sich mit dieser Auffassung ins Zentrum der gegenwärtigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen begibt. Zu den Forderungen der sogenannten identitären Bewegungen gehört immer wieder der Wunsch nach Klarheit, aber wer Klarheit will bekommt dann auch Kontrolle, die nicht nur das urbane Leben an die Kette legt.
Denn ihre eigentliche Qualität gewinnt eine Stadt, wenn sie mehr als die Summe ihrer Teile ist, dann beginnt sie auf erregende Weise lebendig zu werden. Das „Bauchgefühl“ stellt sich ein, wie Sennett es nennt, das aber Orte und Räume benötigt, um sich entfalten zu können. Die offene Begegnung gehört zu ihren Voraussetzungen. Damit sie stattfinden kann, muss man sich untereinander respektieren, und es ist notwendig, dass die Bewohner mitgestalten und entscheiden können, wie eine Stadt sich verändert. Da sie dort leben, wissen sie auch um die Probleme und Konflikte ihres Viertels. Sennetts Beobachtungen zeigen uns, dass es dort, wo dieser Grundsatz verfolgt wird, die Vielfalt der Menschen, ihrer Geschäfte und Dienstleistungen gibt. Das ist es, worauf Stadtbewohner stolz sind, es sind nicht die von Konzernketten beherrschten Straßenzüge, die eine Stadt attraktiv machen. Sennetts Ansatz ist trotz seiner guten Beispiele – sehr ausführlich zerlegt er das Treiben auf Berlins Kantstraße – anspruchsvoll, gerade auch was das Thema Migration und den politischen Umgang mit ihr angeht. Aber zugleich eröffnet er den Blick auf die Chancen, die sich durch Widersprüche und die Kreativität, die aus ihnen entspringt, für uns in Zukunft eröffnen können.
Richard Sennett: Die offene Stadt | Deutsch v. Michael Bischoff | Hanser Berlin | 400 Seiten | 32 €
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