1934 klingelte um vier Uhr nachmittags das Telefon bei Boris Pasternak, dem späteren Nobelpreisträger. Eine Stimme meldete sich mit dem Hinweis: „Genosse Stalin wird jetzt mit Ihnen sprechen.“ Und tatsächlich meldete sich wenige Sekunden später Stalin, um Pasternak zu fragen, was er von Ossip Mandelstam halte, der kurz zuvor verhaftet worden war. Pasternak fühlte sich überrumpelt, das Gespräch dauerte nur drei Minuten. Mandelstam starb vier Jahre später in einem Lager bei Wladiwostok. Was hat Pasternak, der über viele Jahre heimlich an seinem revolutionskritischen Roman „Doktor Schiwago“ schrieb, in diesem Moment gesagt? Eine Frage, über die sich die literarische Öffentlichkeit seither den Kopf zerbricht und das Maul zerreißt.
Ismail Kadare, der große alte Mann der albanischen Literatur, dessen Name selbst etliche Male auf der Nominierungsliste des Nobelpreises stand, starb im letzten Juli im 89. Lebensjahr. Als Kadare 1958 in Moskau studierte, geisterten schon die Gerüchte um diese mythische Anekdote der stalinistischen Ära durch die Hörsäle der Universität. In einer seiner letzten Veröffentlichungen stellt Kadare unter dem Titel „Der Anruf“ eine Art kriminalistische Untersuchung an, um der Wahrheit ein Stück näherzukommen. Es wurde angenommen, dass sich Pasternak nicht wirklich für Mandelstam eingesetzt habe und dessen Schicksal dadurch besiegelt gewesen sei. Dabei findet eine Verschiebung statt, die wir auch heute erleben. So spricht man etwa angesichts der Brände in Los Angeles über die Fehler der Feuerwehr, aber nicht über den Klimawandel als eigentlichen Verursacher der Feuerbrünste. Ähnlich verhielt es sich mit dem Anruf, der Pasternaks Ruf schädigte, weil man ihn zum Henker von Mandelstam stilisierte und darüber vergaß, dass Stalin Herr über Leben und Tod war. Dahinter steckt Strategie, denn Kadares Text gibt wunderbar flüssig Einblick in die intriganten Winkelzüge einer Diktatur. Und er betrachtet den Fall aus 13 verschiedenen Perspektiven, zu denen die von Pasternaks Ehefrau ebenso wie die seiner Geliebten und seiner literarischen Widersacher gehören. So ist dieses schlanke Buch ein Quell inspirierender Reflexionen über das Verhältnis von Kunst und Macht.
Ismail Kadare: Der Anruf | A. d. Alban. v. Joachim Röhm | S. Fischer Verlag | 174 Seiten | 24 Euro
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.
Verborgene Sorgen
Lesung zum Thema Alltagskummer in Köln
Der Preis der Sicherheit
Kathrin Bach liest in Köln
Internationales ABC
„A wie Biene“ von Ellen Heck – Vorlesung 02/25
Zwei Freunde
„Am Ende der Welt“ von Anna Desnitskaya – Vorlesung 02/25
„Afrika ist mehr als Hunger und Krieg“
Autor und Influencer Stève Hiobi über sein Buch „All about Africa“ – Interview 02/25
Wem gehört Anne Frank?
„Immer wenn ich dieses Lied höre“ von Lola Lafon – Literatur 02/25
Schrecklich komisch
Tove Ditlevsens Roman „Vilhelms Zimmer“ – Textwelten 02/25
Unsichtbare Krankheiten
„Gibt es Pflaster für die Seele?“ von Dagmar Geisler – Vorlesung 01/25
Mit KI aus der Zwangslage
„Täuschend echt“ von Charles Lewinsky – Literatur 01/25
Doppelte Enthüllung
„Sputnik“ von Nikita Afanasjew – Literatur 12/24
Eine wahre Liebesgeschichte
Thomas Strässles „Fluchtnovelle“ – Textwelten 12/24
Übergänge leicht gemacht
„Tschüss und Kuss“ von Barbara Weber-Eisenmann – Vorlesung 11/24
Die Geschichte der Frau
Ein Schwung neuer feministischer Comics – ComicKultur 03/25
Aufwändige Abschlüsse
Comics, die spannend Geschichten zu Ende bringen – ComicKultur 02/25
Gespräch über die Liebe
„In einem Zug“ von Daniel Glattauer – Textwelten 01/25
Massenhaft Meisterschaft
Neue Comics von alten Hasen – ComicKultur 01/25
Kampf den weißen Blättern
Zwischen (Auto-)Biografie und Zeitgeschichte – ComicKultur 12/24