Es gibt die ungeweinten Tränen, die bei den täglichen schlechten Nachrichten über die bösesten Menschenverächter und Tyrannen eigentlich wannenfüllend fließen müssten. Und es gibt die warmen Ströme, die sich bei herzerweichenden Kulturbeiträgen unweigerlich lockern können. Schon vor knapp 200Jahren erhobdieses Prinzip „far piangere cantando“ (übers.: durch Gesang zum Weinen bringen) der italienische Komponist Vincenzo Bellini. Der natürliche Melodienfluss sollte die Augen befeuchten – so auch in seiner Oper „I Capuleti e i Montecchi“, die am 22.Februar als konzertante Aufführung in der Kölner Philharmonie zu hören ist.
Bellinis Bühnenwerk entsteht in spannenden Zeiten: Russlanderhält nach dem Frieden von Adrianopel die Donaumündung, Teile Armeniens und erweitertes Seerecht. In Wien wird ein Patent für ein Instrument namens „Accordeon“ ausgestellt, Instrument des Jahres 2026. In Rossinis neuer Oper „Wilhelm Tell“ singen die Überlebenden: „Seht, die Freiheit steigt vom Himmel nieder“, ein frommer Wunsch ohne Ablaufdatum. Und der Endzwanziger Vincenzo Bellini greift für seine damalige Auftragsoper zur Karnevalssaison 1830 in Venedig auf einen nie erkaltenden Stoff zurück: „I Capuleti e i Montecchini“, begründet auch auf Shakespeares „Romeo und Julia“. Das Drama nimmt seinen Lauf, indem ein Friedensbote der einen Partei zur anderen Partei aufbricht mit einem Angebot, das der andere Chef nicht hören will – weil er gar keinen Frieden schließen möchte.
Die jetzt anberaumte Aufführung dieser politisch aufgeladenen Oper in Köln dürfte ohne Bühnenbild und Kostüme vor Zeitgeist strotzen.Das Ensemble Resonanz und ihr Hausdirigent Riccardo Minasi haben bereits mit Bellinis „Norma“ in Köln gemeinsam mit dem WDR Rundfunkchor eine fesselnde und durch den Musikforscher Minasi beeindruckend erforschte Version dieses Opernhits abgeliefert. Jetzt bringen sie nach einer frisch verklungenen Aufführung in der Hamburger Elbphilharmonieden Stoff mit Opernstars zu Gehör – allen voran der dänisch-französischen Sopranistin Elsa Dreisig, die als Giuletta bereits bei den Salzburger Festspielen zu hören war.
I Capuleti e i Montecchi | So 22.2. 19 Uhr | Kölner Philharmonie | 0221 28 02 80
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