Es gibt Momente, in denen plötzlich all die Mühen von einem abfallen, die man über viele Jahre auf sich genommen hat. Dieses Gefühl mag Rafaële Giovanola überkommen sein, als ihr die Jury eröffnete, dass sie die Trägerin des Deutschen Tanzpreis 2027 ist. „Es war sehr berührend“, erinnert sie sich. „Eine riesige Ehre, wenn man sieht, welche Namen schon auf der Liste stehen“, sagt sie. In den letzten Jahren waren das etwa Sasha Waltz, Reinhild Hoffmann oder Raimund Hoghe. Vor über 25 Jahren gründete die in den USA geborene Schweizerin gemeinsam mit Rainald Endraß Cocoon Dance. Beheimatet ist die Kompanie am Bonner Theater im Ballsaal.
Man darf sich im Rheinland mit ihr darüber freuen, dass der Preis in die freie Szene gegangen ist, „denn in ihr haben wir unseren Stil entwickelt“, erklärt die Choreographin, die vor vier Jahren auch mit dem Der Faust den Deutschen Theaterpreis erhalten hatte. Cocoon Dance überrascht immer wieder mit Produktionen, deren hoher ästhetischer Reflexionsgrad wunderbar selbstverständlich aus einem prickelnd sinnlichen Körperverständnis erwächst. Das Geheimnis liegt in der Zeit. Reinald Endraß betont, dass genug Zeit für die Recherchephasen vorhanden sein muss. „Ohne zu wissen, wohin die Arbeit führt, muss man sich auf diese zweckfreie Zeit einlassen“, erklärt er und fügt lachend hinzu: „Im Spiel kommt der Mensch zu sich selbst und hat dabei kein Ziel“.
„Alles ist Inspiration für unsere Arbeit“, fügt Rafaële Giovanola Giovanola hinzu. Das ist wörtlich zu nehmen, da den Produktionen stets eingehende Bewegungsstudien vorausgehen. Wie verhalten wir uns im Alltag, wie verständigen sich die Körper ohne verbale Sprache miteinander? Das sind die Fragen, deren Antworten dann später den choreographischen Look der Produktionen bilden. Für das Ensemble handelt es sich dabei um intime Prozesse, die Rafaële Giovanola als dankbare Geschenke betrachtet. „Unglaubliche Menschen sind das, mit denen wir das Glück erleben durften, dass sie uns vertraut haben.“ Tatsächlich entwickelt sich die Faszination einer Cocoon-Produktion auch immer aus einem Zusammenspiel zwischen Individuum und Gruppe. Als Besucher des Ballsaals begegnet man nicht nur einem Ensemble, sondern Personen, die tanzen. Darin besteht vielleicht die eigentliche Erotik des Tanzes, die Rafaële Giovanola und Reinald Endraß seit 25 Jahren kultivieren.
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Giftige Hirngespinste
„The blind Owl / Die blinde Eule“ am Theater der Keller – Tanz in NRW 07/26
Zäher Überlebenswille
Silke Z über mögliche Fördermittel für Kölns Tanzszene – Tanz in NRW 06/26
Erfolge in dürren Zeiten
7. Circus Dance Festival in Köln – Tanz in NRW 05/26
Intensiver Stoff
9. Internationales Bonner Tanzsolofestival – Tanz in NRW 04/26
Helden und große Gefühle
Die fulminanten Choreographien von Brig Huezo – Tanz in NRW 03/26
Keine Entspannung
Kulturmanagerin Mechtild Tellman über die Zukunft des Tanzes – Tanz in NRW 02/26
Der Tanz der Krähe
„Die Ecke“ in der Alten Wursterei – Auftritt 01/26
Spiel mit der Psyche
Hofesh Shechter gastierte mit seiner Tanzkompanie in Köln – Tanz in NRW 01/26
Tanz schärft die Sinne
IP Tanz feiert 30. Geburtstag – Tanz in NRW 12/25
Wachsende Szene
Das 5. Festival Zeit für Zirkus startet in NRW – Tanz in NRW 11/25
Tanz gegen Kolonialismus
„La Pola“ im Rautenstrauch-Joest-Museum – Tanz in NRW 10/25
Wissen in Bewegung
Das Sachbuch „Die Philosophie des Tanzens“ – Tanz in NRW 09/25
Komme ich gut an?
„It‘s Me“ im Tanzmuseum des Deutschen Tanzarchivs Köln – Tanz in NRW 08/25
Chaos
NRW kürzt bei freien Tanzgruppen – Tanz in NRW 07/25
Lustvolle Inspirationsquelle
Das Circus Dance Festival 2025 in Köln – Tanz in NRW 06/25