4000 Gläubige lauschen drei Stunden einer Predigt, spenden Beifall und am Ende Geschenke – was klingt wie der Fiebertraum eines Klerikalen, fand am 20.9. bei der Einführung des neuen Erzbischofs Rainer Maria Woelki im Dom statt. Dieser startete ohne Pathos mit „Hier bin ich“. Nach 25-Jahren Meisner-Diktatur sind die Kölner Schäfchen um jeden frischen Wind, der unter den Kutten weht, dankbar. Rainer Maria scheint seine für katholische Maßstäbe offene Haltung aus Berlin mitgebracht zu haben. Ob sich die an ihn geknüpften Hoffnungen letztlich erfüllen, wird sich zeigen. Er will die Kirche, die immer noch unter massivem Mitgliederschwund leidet, nicht als geschlossene Gesellschaft sehen. Ein guter Anfang. Denn bei geschlossenen Gesellschaften sind die Hölle immer die anderen, das wissen wir seit Sartre. Selbstkritik kann der Kirche nicht schaden, Brezel, Berliner und Freibier, die es im Anschluss an Woelkis Amtseinführung gab, dürften alleine nicht reichen, um sie zu modernisieren.
Zur Moderne gehört auch die Globalisierung und mit ihr die Vereinfachung des internationalen Handels, rechtlich geregelt durch Freihandelsabkommen. Derzeit medial besonders präsent sind die Verhandlungen um das Transatlantische Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU. Inwiefern das sogenannte TTIP kommunale Interessen berühren könnte, klärt unser Thema FREIER HANDEL. Aus Anlass des europäischen Aktionstags am 11. Oktober sprachen wir mit dem Kölner Kontaktmann von attac.
Von der Politik ist es ein kurzer Weg zum moralischen Verfall. In Bastian Krafts Inszenierung von Lars von Triers DOGVILLE am SCHAUSPIEL KÖLN wird dieser aus der Vogelperspektive gezeigt. Warum der menschliche Umgang mit Macht im Zentrum des Mammutprojekts KÖNIGSDRAMEN, das am THEATER BONN acht Werke Shakespeares in einem Stück verflicht, im Zentrum steht, verrät Regisseurin ALICE BUDDEBERG.
Ebenfalls in Bonn zeigt das FRAUENMUSEUM in der Ausstellung SINGLE MOMS Informatives und Erschreckendes über die Situation alleinerziehender Frauen vom Mittelalter bis heute. Auch das KÄTHE KOLLWITZ MUSEUM präsentiert noch bis 12.10. unter dem Titel DAS AUGE DES ARBEITERS Arbeiterfotografie um die 1930er Jahre.
In einen historischen Kontext sind genauso unser choice of choices-Film PHOENIX von Christian Petzold und Fatih Akins THE CUT eingebunden. Ersterer spielt in Deutschland im Jahre Null nach dem Zweiten Weltkrieg, letzterer breitet sich vor dem Hintergrund des Genozids an den Armeniern 1915 aus. FATIH AKIN, Grenzgänger der deutsch-türkischen Kultur, baten wir zum Gespräch zum Film. FLORIAN DAVID FITZ berichtet davon, wie das Team am Set des Roadmovies HIN UND WEG mit der schweren Thematik der Nervenkrankheit ALS umgegangen ist. Noch tieferes Eindringen in die Materie des Mediums garantieren zwei hochkarätige Festivals. Im Rahmen der COLOGNE CONFERENCE werden vom 5.-10.10. an verschiedenen Orten Film- und Fernsehhighlights von morgen gezeigt. Das Festival FILMPLUS (24.-27.10) widmet sich wieder der hohen Kunst der Montage.
Keine leichte Kost, die uns im Oktober auf den Bühnen, im Museum oder auf den Kinoleinwänden erwartet, aber nötig, wenn wir aus den Gräueln der Vergangenheit zumindest ein bisschen lernen wollen.
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